»Hunderttausende Schüler werden nicht profitieren« In NRW soll doch wieder nach 13 Jahren Abitur gemacht werden. Für viele kommt die Umstellung zu spät. Gespräch mit Marcus Hohenstein

Wegen der zwei Jahre, die bis zur Umstellung noch ins Land gehen sollen? Zum Regelfall soll das G 9 erst wieder ab dem Schuljahr 2019/20 werden, und dann auch nur für die Schüler, die neu ins Gymnasium eingeschult werden. Wir wollen dagegen, dass auch alle die Kinder, die heute in den Klassen drei, vier, fünf und sechs sind, ihr Abitur nach neun Jahren ablegen können und nicht zwangsweise nach acht Jahren.

Aber wäre eine Umstellung von jetzt auf gleich nicht übers Knie gebrochen? Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, GEW, begrüßt den zweijährigen Vorlauf. Die Erfahrungen in Niedersachsen und Hessen haben gezeigt, dass sich das deutlich schneller regeln lässt. Dort war die Umstellung jeweils binnen eines Jahres vollzogen. Auch NRW könnte das problemlos hinbekommen. Eine Hängepartie muss nicht sein und fordert nur massenhaft Opfer in der Schülerschaft.

CDU und FDP wollen es den Schulen weiterhin gestatten, das Abitur nach zwölf Jahren, G 8, als Sonderweg anzubieten, was sich diese allerdings eigens genehmigen lassen müssten. Was halten Sie davon? Nur durch eine Komplettumstellung nimmt man den »Faktor Schulleiter« aus dem Spiel. So kann es passieren, dass Kinder weiter zum G 8 verdonnert werden, nur weil sie am falschen Ort leben. Niedersachsen zeigt, wie es besser geht: Dort hat jeder Schüler an ausnahmslos allen Schulen echte Wahlfreiheit. Besonders Leistungsstarke können schon nach acht Jahren ihren Abschluss machen, sei es durch Überspringen einer Klassenstufe oder Einrichtung von D-Zug-Klassen.

Wieso sollte ein Schulleiter grundsätzlich am G 8 festhalten wollen? Fragen Sie das zum Beispiel mal die Leiter der drei Gymnasien in Darmstadt, die sich dem G 9 verweigern. Damit können jährlich 130 Schüler kein G 9 bekommen, obwohl sie und ihre Eltern das wünschen. Was das betrifft, ist Hessen ein schlechtes Vorbild für NRW.

Vielleicht baut manch ein Rektor ja schon für die nächste Rolle rückwärts vor … Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Politiker, egal wo und egal welcher Partei, noch einmal auf die Idee kommt, die Rückkehr zum G 9 zu revidieren. Mit dem G 8 haben sich einfach zu viele Landesregierungen die Finger verbrannt. Selbst die CSU in Bayern will zurück zum alten System, genauso wie jetzt auch Schleswig-Holstein – und weitere werden folgen.

Und obwohl NRW es demnächst so macht, wollen Sie an Ihrem Volksbegehren festhalten? Unsere Initiative läuft auf jeden Fall weiter, weil die Ankündigungen eben nur auf eine halbe und keine runde Sache hinauslaufen und mal eben 300.000 Kinder von den kommenden Verbesserungen nichts haben werden.

Wie aussichtsreich ist das noch, wo Ihnen die Regierung in spe quasi den Wind aus den Segeln genommen hat? In der Presse wurde zum Teil geschrieben, unser Volksbegehren hätte sich erledigt und würde beendet. Das ist natürlich Quatsch und macht unser Unterfangen nicht gerade leichter. Ich denke allerdings schon, dass es die Motivation der Menschen sogar weiter anstacheln wird, wenn sie sehen, dass ihre eigenen Kinder trotz der generellen Umstellung auf G 9 ausgeschlossen bleiben sollen. Deshalb muss es jetzt darum gehen, dass alle Kinder profitieren und nicht nur die »Spätgeborenen«. Diese Botschaft werden wir rüberbringen.

Wie ist der Stand des Verfahrens? Wir haben bisher ungefähr zwei Drittel der rund eine Million Unterschriften zusammen, die es für ein Volksbegehren braucht. Für den Rest haben wir noch bis Oktober Zeit. Ich bin sicher, dass wir das schaffen.

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